Stolpern - Gegen das Vergessen

Es ist ein absolutes Glück und Privileg bei so einem Projekt mitzumachen und mit den Zeitzeugen in Kontakt zu kommen. Das werde ich nie vergessen.“ So das Feedback einer Schülerin aus dem Geschichts-LK der Q1. Gemeint ist das Stolperstein-Projekt, das die Q1-Leistungskurse PoWi und Geschichte in den letzten Wochen in Kooperation mit der Stadt Schwalmstadt, der Gedenkstätte Trutzhain und dem Ehepaar Gunter und Katja Demnig durchgeführt haben.

Der PoWi-LK von Frau Hellmig hat sich hierbei um "das Finanzielle" gekümmert, d.h. Firmen angeschrieben, um Spenden gebeten und auch die jetzigen Besitzer der Häuser benachrichtigt, vor denen Stolpersteine verlegt werden sollten. Die Mühe hat sich gelohnt, da auf diese Weise genügend Geld für 15 neue Stolpersteine gesammelt wurde.

Der Geschichts-LK von Frau Meschede hat sich "mit der Quellenlage" auseinander gesetzt. Dies war nicht immer einfach, da über die jüdischen Familien teilweise sehr wenig, manchmal sogar widersprüchliche oder auch immer wieder neue Informationen bekannt wurden. Mit großem Glück wurden von zwei der vier Familien noch lebende Angehörige in den Niederlanden ausfindig gemacht und nach Treysa eingeladen. „Es war schon etwas ganz Besonderes, vor den Angehörigen die Geschichte ihrer Vorfahren zu erzählen und dann auch noch später mit ihnen selbst darüber zu sprechen“, so eine andere Schülerin.

Die Stolpersteinverlegungen fanden am 7. und 9. November, also genau 81 Jahre nach der Reichspogromnacht, statt. Damals waren es vor allem Schüler der damaligen Stadtschule, die viele jüdische Häuser und die Synagoge demolierten und die jüdischen MitbürgerInnen schikanierten. Letzte Woche waren es unsere heutigen SchülerInnen, die an diese Gräueltaten erinnerten und der Opfer gedachten. Darunter waren die Familien Stern und Weinberg aus Treysa und die Geschwister Rothschild und Familie Kaufmann aus Ziegenhain.

Jakob, Nanni, Menko, Auguste und Arthur Stern lebten in der Wagnergasse 5, wurden 1942 in die Vernichtungslager Sobibor, Majdanek und Treblinka deportiert und dort vergast. Die Geschwister Paula und Karoline Rothschild, die in der Wiederholdstraße 11 wohnten,  wurden 1941 in Kowno, Litauen, ermordet. Die Familie Kaufmann, bestehend aus den Eltern Karl und Martha Kaufmann und ihren fünf Kindern, lebte in der Kasseler Straße 23 in Ziegenhain. Von ihnen überlebten nur drei Kinder den Holocaust, unter ihnen Gretl Kaufmann. Deren Tochter Marita Simons war aus Eindhoven angereist und während der Stolperstein-Verlegung sichtlich ergriffen. Später im Zeitzeugengespräch zeigte sie auf einer alten Fotografie die verschiedenen Familienmitglieder, sodass man sich ein Bild von den Opfern machen konnte.

Die vierte Stolperstein-Verlegung fand am Samstag, dem 9. November statt. Josef und Berta Weinberg, sowie deren Sohn Bruno Weinberg, bekamen einen Stein vor ihrem ehemaligen Haus in der Steingasse 1. Alle drei wurden in Auschwitz bzw. in Bergen-Belsen ermordet. Die Tochter Selma Weinberg war vor der NS-Zeit in die Niederlande ausgewandert und hatte dort mit ihrem Mann Isidoor Meijer zwei Töchter: Berta (*1938) und Femke (*1942). Auch sie wurden alle ins Konzentrationslager Bergen-Belsen verschleppt, jedoch überlebten nur die beiden zwei- und siebenjährigen Töchter.

Die jüngere von ihnen, Femke Roos, war mit ihrer Familie extra aus Amsterdam angereist, um bei der Zeremonie anwesend zu sein. Dabei hielt sie eine ergreifende und äußerst inspirierende Rede, in der sie sich bei Deutschland und bei unserer Schule für die Aufarbeitung des Holocausts bedankte. Gleichzeitig kritisierte sie als überzeugte Menschenrechtsaktivistin, dass es heute immer noch Kinder in Lagern gäbe und man noch nie einen Stolperstein für Vietnamesen, Iraker und Palästinenser verlegt habe. Im anschließenden Zeitzeugengespräch in der Mensa kamen die SchülerInnen beider Kurse mit ihr und ihrer Familie ins Gespräch und das Schöne dabei war: Es wurde viel und herzlich gelacht!

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